Was macht denn das autonome Nervensystem?

Das Ziel ist die Homeostasis

(Homöostase ist die Tendenz eines Organismus oder Systems, einen ausgeglichenen und konstanten inneren Zustand aufrechtzuerhalten. Beim Menschen ist damit die Regulation aller Bereiche der Körperchemie gemeint, wie z. B. die Regulierung des Blutzuckerspiegels. Homöostase ist ein für alle Lebewesen geltendes Prinzip, um das z.B.  gegenüber sich verändernden Lebensbedingungen erreichte Gleichgewicht zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Das gilt auch im übertragenen Sinne als die Tendenz des Organismus, psychische Spannungen selbsttätig bzw. selbstregulierend auszugleichen 

Quelle: http://lexikon.stangl.eu/30/homoeostase/
© Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik)

 

Die Informationen in diesem Blogbeitrag sind aus ” The Dysautonomia Project” von Kelly Freeman, MSM, David S. Goldstein, MD, PhD, Charles R. Thompson, MD, 2015.

Das autonome Nervensystem des Körpers ist das bisher am wenigsten verstandene Körpersystem. Es wird von einem überwältigend komplexen Netzwerk von elektrisch geladenen Neuronen aufgebaut. Diese Neuronen werden dynamisch mit Hilfe von chemischen Botenstoffen, welche an vielen Stellen im Körper erzeugt werden, entladen und wieder elektrisch aufgeladen. Grob kann das autonome Nervensystem strukturell und funktionell folgendermaßen unterschieden werden:

Arbeitet das Autonome Nervensystem wie es soll, dann sind der stimulierende Sympathikus und der beruhigende Parasympathikus in Harmonie und auch das Darmnervensystem funktioniert gut. Die Nahrung wird verdaut, Nährstoffe werden aufgenommen und chemische Botenstoffe wie Noradrenalin, Dopamin und Serotonin werden im ausreichenden Maße produziert. Bemerkenswert ist dabei, dass im Darm eine größere Menge an chemischen Botenstoffen hergestellt wird, als im übrigen Körper. Das Verhältnis von Sympathikus und Parasympathikus ist dabei nicht statisch, sondern ebbt auf und ab, angeregt von Stressoren, Tag- und Nachtrhythmus etc., ähnlich wie Wellen am Strand.

Ist die Balance gestört und kann auch nicht mehr hergestellt werden, befindet sich der Körper nicht mehr in Harmonie und viele, evtl. sogar alle Organsysteme werden in ihrer Funktion behindert. Dieser Zustand wird als Dysautonomie bezeichnet.

Was sind die chemischen Botenstoffe und was machen sie?

image

Sympathikus und Parasympathikus und ihre spezifischen chemischen Botenstoffe. Das Enterische Nervensystem hat viele Botenstoffe

Vorneweg, es sind noch nicht alle bekannt. Beispiele für bekannte chemische Botenstoffe sind Katecholamine, Acetylcholin, Histamine, Serotonin, Prostaglandine, Stickstoffmonoxid (NO) und Endotheline.  Bei dem Bild links fällt auf, dass der Parasympathikus vor allem Acetylcholin als Botenstoff verwendet, während der Sympathikus in  Subsysteme, die vorwiegende drei unterschiedliche Botenstoffe nutzen,  eingeteilt werden kann. Der wohl bekannteste chemische Botenstoff ist das Adrenalin. Es zählt wie Dopamin und Noradrenalin zu den Katecholaminen. Diese sind die wichtigsten Neutrotransmitter im Autonomen Nervensystem.

Die Botenstoffe des Symphatikus

Adrenalin wird in kleinen Mengen den ganzen Tag über hergestellt, es begleitet alle normalen Aufgaben des Körpers, wie das Aufstehen am Morgen. Wird  der Körper mit als „gefährlicheren“ Stressoren konfrontiert, so reagiert der Sympathikus und es wird Adrenalin in großen Mengen erzeugt und über den Blutkreislauf schnell im ganzen Körper verteilt, damit dieser schnell auf die Gefahr reagieren kann. Diese rasche körperliche und seelische Anpassung von Lebewesen in Gefahrensituationen wird als Fight-or-flight-Reaktion bezeichnet.

Was macht das Adrenalin?

Es stimuliert alle Arten von Adrenozeptoren im gesamten Körper.  Es hemmt   die Beta-1-Adrenorezeptoren und die Beta-2-Adrenorezeptoren.

  • Erhöht den Blutdruck (durch Engstellen v.a. der kleinen Arteriolen)
  • Erhöht die Herzrate
  • Erhöht den Blutfluss zu den Muskeln des Körpers
  • Weitet die Lungenäste (entspannt die glatte Muskulatur der Bronchien)
  • Vermindert den Blutfluss zum Verdauungstrakt
  • Verändert den Stoffwechsel um den Glukosespiegel (=Energie)  im Blut im gesamten Körper zu erhöhen
  • Verstärkt das Schwitzen
  • erhöht die Kerntemperatur des Körpers

Stresssitzuationen für den Körper umfassen jedoch nicht nur die Begegnung mit Gefahren wie tatsächliche Angriffe (durch den Tiger oder andere Menschen) oder Ängsten (Prüfungssituationen, überfordernde Situationen). Sondern sie resultieren genauso aus echter oder angenommener Gefährdung der Homöostase, wie fehlender Energie, Sauerstoffmangel, zu geringer Blutversorgung lebenswichtiger Organe. In solchen Notfällen wird Adrenalin von den Nebennieren in großen Mengen freigesetzt. So kann eine Hypovolämie bei POTS, verbunden mit einer zu geringen Blutversorgung des Gehirns, zur Ausschüttung großer Mengen an Adrenalin, mit all seinen Nebenwirkungen führen. Auf Außenstehende kann dieses Geschehen wie eine Angstattacke wirken und auch die Attacke begleitenden Gefühle gleichen einer solchen Reaktion. Doch in Wirklichkeit steht keine psychische Angst dahinter, sondern die von Rezeptoren des Körpers festgestellte reale Gefährdung durch die Hypovolämie und die unzureichende Sauerstoffversorgung des Gehirns. 

Noradrenalin besitzt im Unterschied zum Adrenalin hauptsächliche eine Rolle als  Neurotransmitter im Zentralnervensystem und dem sympathischen Nervensystem. (Adrenalin hat als Neurotransmitter nur eine untergeordnete Rolle.) Noradrenalin entfaltet seine Wirkung, die der dem Adrenalin weitgehend gleicht, an den Synapsen der dünnen, nicht mit Myelinscheiden versehenden und daher langsamen postganglionären Nerven.

Was macht das Noradrenalin?

Wie Adrenalin stimuliert es vor allem die Alpha-Adrenorezeptoren. Es hemmt ebenso  die Beta-1-Adrenorezeptoren, aber seine Hemmung der Beta-2-Adrenorezeptoren ist viel geringer als bei Adrenalin.

  • Engstellen v.a. der kleinen Arteriolen, es entfaltet seine Wirkung, die der dem Adrenalin weitgehend gleicht, an den Synapsen der dünnen, nicht mit Myelinscheiden versehenden und daher langsamen postganglionären Nerven.
  • Herzrate wird schneller und kräftiger
  • Weitet die Lungenäste (entspannt die glatte Muskulatur der Bronchien)
  • Blutfluss zum Verdauungstrakt, den Skelettmuskeln, den Nieren wird vermindert
  • Pupillen werden weit gestellt
  • Erbleichen möglich
  • Salvia wird zähflüssiger
  • Häarchen stellen sich auf
  • In den Nieren wird Salz vermehrt wieder aufgenommen

Acetylcholin ist wie Noradrenalin ein Neurotransmitter, und wirkt an den Nikotinrezeptoren der Snapsen der dünnen, nicht mit Myelinscheiden versehenden und daher langsamen prä- und postganglionären Nerven.

Was macht das Acetylcholin im Sympatischen Teil des Autonomen Nervensystems?

  • Verstärkt das Schwitzen

Acetylcholin, als Botenstoff des Parasympathikus

Acetylcholin ist der Hauptbotenstoff des Parasympathikus und wirkt als Neurotransmitter an den Nikotinrezeptoren der prä- und postganglionären Nerven des Parasymphatikus und an den Muskarinrezeptoren des Synapsenspalts zu den jeweiligen Organen (Ganglien, Muskeln, Herz, Darm, Gehirn,…).

  • Vermindert die Herzrate
  • Erhöht den Muslkeltonus der glatten Muskulatur
  • Erhöht die Schleimproduktion der Lunge
  • Erhöht die Sekretion von Magensäure und  Verdauungshormone

 

Bedeutung dieser chemischer Botenstoffe bei Dysautonomien

Sind die Produktion, die Sekretion oder die Aufnahme oder Verarbeitung dieser Botenstoffe an einer Stelle gestört, so bedeutet dies für den Körper ein Hindernis bei der Herstellung der Homöostase. Da die gleichen Botenstoffe an vielen Stellen verwendet werden, gleiche Rezeptoren an unterschiedlichen Organen zu finden sind, folgt daraus, dass sich Dysautonomien i.d.R. nicht auf ein Organsystem oder eine Körperfunktion beschränken, sondern den Organismus mannigfach schädigen (MSA, PAF, Parkinson…) . Daher kann bei den meisten Dyautonomien eine abweichende Menge von Katecholaminen und verwandter Chemikalien  in Blutplasma, Urin oder Rückenmarksflüssigkeit festgestellt werden. Auch in der Behandlung sind Medikamente, welche in dieses System eingreifen, die wichtigsten.

Der Vagusnerv

Eine Besonderheit des Parasympathikus ist der Vagusnerv. Es ist der längste Nerv des Parasympathikus und ist an der Regulierung und Steuerung fast aller inneren Organe beteiligt. Doch das ist nicht seine einzige Funktion, er ist ebenso an der (willkührlich) motorischen Steuerung des Kehlkopfes, des Rachens und der oberen Speiseröhre beteiligt. Von ihm werden Geruch und Geschmack sowie Berührungsreize ans Gehirn (bewusst wahrnehmbar) weitergeleitet. Seine sensiblen, Reflexe übertragenden Fasern, reichen auch zu den inneren Organen.  Der Vagusnerv besteht also auch aus Fasern des bewussten Nervensystems.

image

Der Vagusnerv

Zur Zeit wird sehr intensiv über die Beteiligung des Vagusnerven an Funktionsstörungen des autonomen Nervensystems diskutiert. Es gibt auch schon Therapieansätze zur Stimulation des Vagusnerven, z.B. bei Epilepsien aber auch laufende Studien zum Einsatz bei POTS.