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Egal, wie oft  Ärzte nach der Diagnose POTS vor dem Patienten stehen, ratlos mit den Schultern zucken und sagen „das hat keine Ursache, damit müssen sie leben“, sie liegen damit häufig falsch. Es gibt inzwischen einige Beiträge dazu auf potsplatz und in der Spalte neben dem Textfeld sind viele Links zu Primär- und Ko-Erkrankungen angefügt. In diesem Beitrag möchte ich mit der Temporallappenepilepsie (TLE) eine weitere Ursache für POTS vorstellen. In der üblichen Literatur zu POTS aus den USA oder UK war mir dieser Zusammenhang noch nicht begegnet. Wahrscheinlich weil die Studie und die Forscher aus Marokko kommen.  Doch POTSies gibt es auf der ganzen Welt. So wird z.B. auch im Iran oder besonders viel in China zu POTS geforscht.

In dieser Studie von 2015 geht es um den Zusammenhang von TLE und POTS. Es ist bekannt, dass TLE  mit einer kardinalen  Dysautonomie assoziiert sein kann.  Deshalb sind die Forscher aus Rabat und Marrakesch unter anderem den Fragen nachgegangen, wie häufig eine Orthostatische Intoleranz, insbesondere die Posturale Tachykardie,  bei Patienten mit TLE im Vergleich zur einer Kontrollgruppe auftritt und ob sich eine gut eingestellte Medikation auch positiv auf die Amplitude der Herzrate auswirkt.

Das Ergebnis war eindeutig: Knapp die Hälfte der Patienten mit Temporallappenepilepsie hatte auch ein Posturales Tachykardiesyndrom (POTS 46%). Besser eingestellte Patienten hatten eine tendenziell geringere Herzratenamplitude.

Da stellt man sich natürlich die Frage, warum ist das noch niemandem vorher aufgefallen? Ich finde das schon äußerst seltsam. Entweder die Forscher in Marokko haben eine zufällige Häufung von Fällen mit TLE und gleichzeitigem POTS entdeckt (was bei der Seltenheit beider Phönomene relativ unwahrscheinlich wäre) oder es gibt einen Grund dafür. Also habe ich mir einige Zeit um die Ohren geschlagen und medizinische Literatur zu TLE gewälzt. Zu der TLE fallen zwei Sachverhalte besonders auf.

Es wird erstens immer wieder erwähnt, dass eine TLE zwar oft nicht in EEGs nachgewiesen werden kann, aber trotzdem vorliegt. Das macht die Diagnose nicht immer einfach (in die Studie waren nur mit EEG diagnostizierte Patienten aufgenommen worden).

Als  zweites entwickeln einige Patienten mit TLE zusätzlich zu den epileptischen Anfällen noch sogenannte dissoziative Anfälle. Andere Bezeichnungen dafür sind nicht-epileptische Anfälle, psychogene Anfälle oder pseudo-epileptische Anfälle.

Bei der Beschreibung dieser dissoziativen Anfälle fielen mir sofort die mit POTS oft verbundenen Synkopen oder Praesynkopen ein. Auch dabei kann es zum Krampfen kommen. Könnte es wirklich möglich sein, dass POTS bei TLE oft übersehen und die POTS-Synkopen falsch als dissoziative Anfälle diagnostiziert werden? Ich fürchte, davon muss ausgegangen werden. Kaum ein Neurologe denkt bei Anfällen an POTS. Er sieht sich bei Anfällen ohne Nachweis im EEG immer vor der Entscheidung Epilepsie oder keine Epilepsie. Bei der Diagnose „keine Epilepsie“ wird dann natürlich auch auf den Blutdruck und die Herzrate geschaut. Aber bei POTS bleibt der Blutdruck meist konstant, bei manchen steigt er sogar an. Die Tachykardie wird leider nicht als POTS erkannt, sondern als Herzratensteigerung aufgrund einer Panikattacke eingeordnet. Ursache für diese Unkenntnis ist bestimmt auch, dass über POTS bis vor wenigen Jahren in der medizinischen Ausbildung nichts gelehrt wurde und auch in Kliniken fehlte das nötige Wissen. Natürlich kann zur TLE auch dissoziative Anfälle geben oder Panikattacke, aber es muss eben auch ein POTS abgeklärt werden.

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Bei Temporallappenepilepsie muss bei Auftreten von Synkopen oder Praesynkopen, egal ob mit oder ohne Krampfen, ein mögliches Posturales Tachykardiesyndrom abgeklärt werden!

Die übliche Diagnose „dissoziative  Anfälle“ ist  bei TLE mit großer Wahrscheinlichkeit  bei einigen Patienten nicht korrekt, sondern ein vorliegendes  POTS wurde nicht erkannt. 

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Sehr interessant zu diesem Thema ist auch folgendes Video von Dr James Riviello (einfach auf die eingebettete Schaltfläche klicken, das Video sollte sich anschließend öffnen):

Autonomic Seizures & Autonomic Epilepsy – Dr. James Riviello from Dysautonomia International on Vimeo.

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