Viele POTSies stellen sich die Frage, „ernähre ich mich zu ungesund? Esse ich das Falsche? Soll ich was weglassen, kein Fleisch mehr essen, kein Gluten, kein Zucker, keine Milch? Könnte eine Ernährungsumstellung helfen? Vielleicht nur noch frisches, selbst gekochtes oder besser ganz naturbelassen und roh – aus Wildsammlung, nichts mehr hochgezüchtetes? Oder soll ich mir für Smoothies einen Hochleistungsmixer anschaffen, je teurer umso besser, alles kleinzerschlagen, atomisiert. Nur mit solch einem Supermixer werden all die Pflanzenzellen geknackt, damit ich an all die wertvollen Inhaltsstoffe komme, die meinem Körper anscheinend fehlen?“

Es gibt sogar ein Kochbuch, dessen Autorin Ella Woodward darin beschreibt, sie wäre vor einigen Jahren an POTS erkrankt und könne nur mit Hilfe der von ihr kreierten Rezepten wieder ein normales Leben führen. Die Rezepte sind alle vegan und frei von Gluten und Haushaltszucker. Dieses Kochbuch (inzwischen sind es drei, das vierte ist in Arbeit) liegt in vielen großen Buchhandlungen in hohen Stapeln aus. Und es gibt deshalb nicht wenige Menschen im deutschsprachigen Raum, die POTS für eine ernährungsbedingte Nervenerkrankung halten, deren Hauptsymptom ein riesenhaft aufgeblähter Bauch ist.

Ernährung ist ein riesiger Hype. Ein Superfood nach dem anderen taucht in den Medien auf und jeder muss es haben. Ein Nahrungsmittel nach dem anderen wird zum totalen Gift erklärt, das uns krank macht und uns letztendlich ins Grab stürzen wird. Ist POTS das Ergebnis eines solchen Giftes in Gestalt von Nahrungsmitteln?

Für Gluten und POTS wurde nun eine Studie veröffentlicht.

Die Glutenstudie für POTSies

Da viele POTSies ohne ärztlichen Rat von sich aus auf Gluten verzichten, hat ein britisches Forscherteam sich mit der Frage beschäftigt, ob bei POTS tatsächlich häufiger eine Zoeliakie oder Glutensensitivität festgestellt werden kann. Penny HA, Aziz I, Ferrar M, Atkinson J, Hoggard N, Hadjivassiliou M, West JN und Sanders DS vom Royal Hallamshire Hospital und dem Upperthorp Medical Centre in Sheffield haben 100 Patienten mit POTS befragt. (Link zur Studie) Vier POTSies hatten eine ärztlich diagnostizierte Zoeliakie, 42 gaben an, dass sie selbst davon ausgehen, eine Glutensensivität zu haben. Hinsichtlich Zoeliakie wurde dieses Ergebnis mit den Angaben von 1200 entsprechenden Personen aus der gleichen Gegend verglichen. Zum Vergleich der selbst „diagnostizierten“ Glutensensivität wurden  400 Personen mit ähnlicher Alters- und Geschlechtsstruktur herangezogen.img_1696

Es zeigte sich, dass tatsächlich 4% der POTS-Gruppe eine bestätigte Zoeliakie hatten, aber nur 1% der Vergleichsbevölkerung, das bedeutet also eine Vervierfachung der Zoeliakiefälle bei POTS. In der Vergleichsgruppe ohne POTS gaben 19% an, dass sie davon ausgehen, eine Glutensensivität zu haben. Bei der Gruppe mit POTS waren es mit 42%, etwas mehr als die doppelte Anzahl.
Natürlich sind noch weitere Studien nötig, um dieses Ergebnis zu überprüfen und noch mehr darüber zu erfahren. Doch es kommt nicht überraschend, denn die Zoeliakie ist die dritthäufigste Ursache für Neuropathien im autonomen Nervensystem. Zudem fanden sich in einer größeren italienischen Studie bei 30 % der erwachsenen Zöliakiepatienten weitere Autoimmunerkrankungen und auch POTS kann autoimmunen Ursprungs sein.

Die Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität durch ATIs, Weizenkeim-Agglutinine und FODMAPs

Bei der häufig berichteten, nicht ärztlich bestätigten Glutensensivität, handelt es sich wahrscheinlich um die sich immer deutlicher herauskristallisierenden Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität, hervorgerufen durch Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs) und/oder Weizenkeim-Agglutinine und/oder FODMAPs.

Die  ATIs des Weizens, aber auch des Dinkels, Roggen und der Gerste, werden von den Getreidepflanzen hergestellt, um das Getreidekorn vor dem Gefressenwerden zu schützen. Uns Menschen töten die ATIs zwar nicht, doch bei empfindlichen Personen können sie zur Entwicklung von Gewebeentzündungen außerhalb des Darms, einschließlich der Lymphknoten, Nieren, Milz und des Gehirns, führen. Die ATIs aktivieren bestimmte Immunzellentypen im Darm und in anderen Geweben. Dadurch können die Symptome bereits bestehender autoimmuner Erkrankungen, wie Rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose, Asthma, Lupus, Nichtalkoholische Fettleber, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und evtl. POTS, potenziell gefördert und verschlechtert werden.

Die Amylase-Trypsin-Inhibotoren sind nicht der einzige Schatten des Weizens, es gibt auch noch die Weizenkeim-Agglutinine (WGA = wheat germ agglutinin) mit ähnlich negativer Wirkung auf einen empfindlichen Organismus. WGAs zählen zu den Lektinen und diese sind nicht auf den Weizen oder auf Getreide beschränkt. Viele Pflanzensamen auch Erbsen, Linsen und Bohnen, nutzen Lektine im Kampf gegen das Gefressen werden.

Als letzte möchte ich noch die sogenannten FODMAPs erwähnen, welche Blähungen auslösen können.  FODMAPs sind im Wesentlichen niedermolekulare Zucker, die im Weizenkorn (auch in alten Sorten, wie Dinkel, Emmer…) gespeichert werden. Im Gegensatz zu Gluten, ATIs und WGAs lässt sich der Gehalt an FODMAPs durch eine lange Teigführung verkleinern.

Was tun?

Was ist meine Meinung dazu. Sollte man sich als POTSie auf Zoeliakie und Nicht-Zoeliakie-Nicht-Glutensensivität testen lassen? Für letztere gibt es bisher noch keinen Atem-oder Bluttest, der Beweis liegt tatsächlich noch im Ausprobieren. Fühlt man sich nach einigen Tagen, an denen man auf ATI, FODMAP und WGA haltige Getreideprodukte verzichtet hat, besser, nimmt die Stärke der Symptome ab, so ist das als beweisend für die Nicht-Zoeliakie-Nicht-Glutensensivität anzusehen (Vorsicht vor dem Nocebo/Placebo-Effekt). Geht es einem aber auch nach einigen Wochen Verzicht nicht besser, ist  die Zoeliakie damit noch nicht ausgeschlossen. Bei Zoeliakie kann es nämlich sehr lange dauern, bis sich Verbesserungen zeigen. Ich würde dann deshalb auf jeden Fall den Bluttest machen lassen, zur letztendlichen Diagnose auch eine Biopsie des Dünndarms.

Im Moment gehen die Forscher davon aus aus, dass es bei der Nicht-Zoeliakie-Nicht-Glutensensivität oft ausreicht, wenn einige Zeit auf problematische Getreide verzichtet wird. Dann kann es in geringer Menge wieder zu sich genommen werden. Diese Sensivität hängt wahrscheinlich von der Dosis ab. Es war schon immer das Bestreben in der Züchtung, die Nutzpflanzen widerstandsfähiger gegen Fraßfeinde zu entwickeln. Es sieht so aus, als ob die Züchter im Falle von Weizen zu erfolgreich waren, zumindest in Bezug auf den Menschen. Übrigens ist der Gehalt an ATIs etc. nicht vorhersehbar. Er hängt nicht nur von der Sorte, sondern auch von Boden-, Klima- und Düngeverhältnissen ab und kann auch in Biogetreide oder in Dinkel sehr hoch sein. Vielleicht macht sich unsere Vorliebe für Nudel, Pizza, Weizenbrötchen, Kuchen zusätzlich bemerkbar. Die Summe des gegessenen Getreides und damit der ATIs, FODMAP und der WGAs ist einfach zu viel für manche. Inzwischen gibt es erste Initiativen von Bioproduzenten zur Senkung des ATI Gehaltes in Getreide. Wenn jedoch eine  Zoeliakie diagnostiziert wurde, so muss man auf alles Gluten verzichten, ein Leben lang. Die kleinste Minimenge kann die Erkrankung wieder zum Ausbruch bringen.

Zu Ella (Vorsicht, vielleicht nicht ganz ausgewogen)

Ella Woodward berichtet auf ihrem Blog, dass sie zusätzlich zu POTS noch die Diagnosen für das Ehlers-Danlos-Syndrom 3 (hypermobiler Typ) und eine Mastzellaktivitätserkrankung hat (MACD). Für sie waren die Ernährungsumstellung mit Nahrungsergänzungsmitteln, Entspannung, wie Meditation, Yoga, Akupunktur und Fitnessaufbau entscheidende Bausteine bei der Verbesserung ihrer Gesundheit. Sie betont dort aber immer wieder, dass das, was sie an Nahrungsmitteln verträgt und was ihr gut tut, nicht einfach übertragbar auf andere ist. Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind individuell. Selbst Ella verträgt nicht ein Zuviel der in ihren Rezepten allgegenwärtigen Medjool Datteln. Mir fiel auch auf, dass ihre Kochrezepte zusätzlich zu glutenfrei und vegan, auch fast frei von Zwiebeln sind (ok, ich habe die Bücher nur vorsichtig in Buchgeschäften durchgeblättert). Kräuter lobt sie zwar an mehreren Stellen überschwenglich, aber meiner Meinung nach, verwendet sie diese in ihren Kochrezepten eher sparsam. Da könnte sie sich bei meiner 80 jährigen Mutter noch einiges zum Kochen mit frischen Kräutern abschauen.  Die von ihr verwendeten getrockneten Kräuter werden immer als sonnengetrocknet bezeichnet. Da frage ich mich schon, ist das irgendwie wichtig oder klingt das einfach nur besser? Im totalen Gegensatz dazu steht und völlig verwundert hat mich ihr häufiger Gebrauch von Dosenkonserven. Ein Beispiel: xx Dose schwarze Bohnen, xx Dose Linsen, xx Dose Kidneybohnen, xx Dose gehackte Tomaten, xx Tomatenmark und noch ein paar Zutaten…und all das in einem Rezept – ehrlich, gesunde Küche sieht bei mir anders aus und ich mag mir den Geschmack gar nicht vorstellen. Also, man kann zu glutenfrei und/oder zu anderen Nahrungsmittelunverträglichkeiten echt bessere Kochbücher finden.

Noch schlimmer finde ich die nicht richtige Darstellung des Posturalen Tachykardie Syndroms. Die wenigsten Ärzte kennen es wirklich. Viele der Betroffene sind stark beeinträchtigt, über ein Drittel kann nicht mehr arbeiten. Dennoch werden ihre Beschwerden nicht ernst genommen. Manche Ärzte wollen hilfreiche Medikamente nicht verschreiben, Krankenkassen wollen  bewährte, verschriebene Medikamente nicht bezahlen. Doch leider hilft eine glutenfreie oder irgendwie andere Diät den wenigsten. (Meine Tochter hat keine Zoeliakie und eine viele Wochen durchgezogene Abstinenz von Getreide hat keinerlei Verbesserung bei den Symptomen gezeigt). Ella Woodward hat den POTSies mit ihren Kochbüchern und dem Einsatz von POTS zum Werbezweck einen Bärendienst erwiesen.

In folgender Informationsschrift kann zu Folgen von Advanced Glycation Endproducts (AGEs) in der Ernährung gelesen werden. Vor allem sind es  Fruktose (!), Galaktose aber auch Glukose die unkontrolliert mit körpereigenen Strukturen reagieren. Die AGE sind an der Entwicklung verschiedener chronischer Entzündungserkrankungen beteiligt, z.B. Diabetes mellitus Typ II, Gefäß- und Herz-Kreislauferkrankungen, Osteoporose und Arthritis

Link zur Informationsschrift

 

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  1. Richard sagt:

    Es sollte erwähnt werden, dass im Englischen das Wort Dose als Maßeinheit gebräuchlich ist. Sie kocht schon gesund und frisch.

    • potsieplatz sagt:

      Hallo Richard, ich denke du verwechselst gerade das deutsche Wort „Dose“ mit dem Wort „Dosis“. In den englischen Ausgaben steht tatsächlich „can“, also „Dose“ (ich habe gerade nachgesehen). Wahrscheinlich dachtest du an die Mengenangabe „cups“.

      • Richard sagt:

        Welches Buch hast Du angeschaut?

      • potsieplatz sagt:

        Im Rezept für
        „Sweet potato and carrot mash bowl“ …two 400g tins of chickpeas… (keine cans sondern tins, sind Dosen);
        „Rejuvenating Bowl“ …one tin of black beans … (das ist nur eine Auswahl)
        Aus den weiteren Kochanleitungen wird klar, dass es tatsächlich um eingedoste Hülsenfrüchte, in anderen Rezepten, Tomaten, handelt. Wie das Buch hieß, das ich im Buchgeschäft durchgeblättert hatte, kann ich dir nicht sagen.

  2. Greta sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Er hat mein Gefühl eher bestätigt, dass eher ein Hype genutzt und eine damit Erkrankung verfremdet wird und Missverständnisse eher vergrößert. Ich habe nachgewiesenermaßen keine Zoeliaki und trotzdem ein deutlich spürbares POTS. :-/

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