Schon seit ein paar Jahren zeichnete es sich ab, dass ein Teil der von POTS  betroffenen gleichzeitig ein Ehlers-Danlos Syndrom (EDS) und eine systemische Mastzell­aktivie­rungs­erkran­kung (MCAD) aufweist. Doch was ist die Ursache dafür? Es wurden einige Hypothesen dazu angestellt, doch keine davon lies sich bisher verifizieren.

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Ein Beispiel für eine typische Symptomatik dafür wäre: Häufiges Ausrenken der Gelenke, viele blaue Flecken, schnelle Hautverletzungen, orthostatische Intoleranz, Konzentrationsprobleme, Schmerzproblematik, Schlafprobleme, Allergien, Unverträglichkeiten, unerklärliche Hautausschläge….

Mit einer solchen Art von Symptomkombination können die meisten Ärzte kaum etwas angefangen und die einzelnen Krankheiten, EDS, POTS, und MCAD halten sie (fälschlicherweise) für so selten, dass sie nicht erwarten, eine davon in ihrer Praxis zu sehen, geschweige denn, alle drei in einer Person. Und doch wurde Mitte Oktober 2016 in Nature eine Studie veröffentlicht, die diese Erkrankungen mit Hilfe einer genetischen Gemeinsamkeit verbindet.

EDS ist der Name für mindestens 6 verschiedene Formen, deren Gemeinsamkeit ein defektes Kollagen des Bindegewebes ist. Die in der Studie mit POTS und MCAD verbundene Form ist der sogenannte „Hypermobiler Typ“, weitere Bezeichnungen sind EDS-HT oder EDS-III. Bei einer nicht unerheblichen Anzahl hat dieses EDS, durch chronische Schmerzen, ständige Verletzungen usw einen stark verminderten Einfluss auf die Lebensqualität.

POTS ist eine Form der Dysautonomien oder Fehlfunktion des Autonomen Nervensystems (ANS). Das ANS steuert die Gesamtheit der unbewussten Körperfunktionen, wie z.B. Verdauung, Atmung und Blutkreislauf.

MCAD oder systemische Mastzell­aktivie­rungs­erkran­kung ist eine Erkrankung, die erst seit neuestem erforscht wird und unter den dreien wahrscheinlich auch am schwierigsten zu diagnostizieren ist. Die Mastzellen sind im gesamten Körper verbreitet und unverzichtbar im Immunsystem. Doch manchmal werden sie zu leicht erregbar und halten alles mögliche für gefährlich (Essen, Berührungen, Medikamente, Kälte, Wärme, tiefes Einatmen, Duschen, Licht, …). Die Folgen davon sind vielgestaltig (Allergien, Unverträglichkeiten, Anaphylaktischer Schock, chronische Quaddeln, Flushs, Reizdarmsyndrom, Dysautonomien, Synkopen, Osteoporosen, Kollagenprobleme).

In der von Joshua Milner am National Institute of Allergy and Infectious Diseases geleiteten Studie wurde die DNA von 96 Teilnehmern, mit EDS-HT und erhöhten Tryptasewerten im Blut, untersucht. Gleichzeitig hatten alle Symptome, die auf Mastzellaktivierungsstörung und auf POTS hinwiesen.

Nur ein kleiner Teil, der von Mastzellaktivitätsstörungen betroffenen, haben einen erhöhten Tryptasewert. Und bei dieser Gruppe fanden die Forscher um Milner eine genetische Auffälligkeit. Und zwar besaßen diese Menschen eine zweite (oder dritte) Kopie des Gens TPSAB1. Normalerweise codiert TPSAB1 eine spezielle Form der Tryptase und zwar Alpha-Tryptase. Menschen mit der doppelten (oder so gar dreifachen) Anzahl des Gens erzeugen auch eine doppelte (oder mehr) Menge des Proteins.

Im Anschluss an dieses Resultat durchforsteten die Forscher Patientenberichte „gesunder“ Leute mit erhöhten Tryptasewerten nach Ergebnissen des DNA-Tests. Mit Erfolg, in all diesen DNA-Tests waren Häufungen des TPSAB1 Genes festgestellt worden. Einige getestete Personen konnten interviewt werden. Dabei stellte sich heraus, dass auffallend viele dieser angeblich Gesunden in Wirklichkeit an einer Reihe von Symptomen litten, wie sie auch bei EDS-HT, POTS und MCAD berichtet werden. Doch waren sie niemals diagnostiziert worden. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn es dauert auch in den USA immer noch durchschnittlich 10 Jahre, bis jemand mit EDS-HT seine korrekte Diagnose bekommt. Bei weiterer genauer Analyse wurde deutlich, dass die Schwere der berichteten Symptome mit der nachgewiesenen Anzahl der Kopien des TPSAB1 Gens zunahm. Personen mit drei TPSAB1 Genen ging es durchschnittlich schlechter als Personen mit nur einem Gen.

Hier der spannende Videobericht der Forscher

Es sieht nun so aus, als ob Milner und seine Gruppe tatsächlich einen genetischen Biomarker für den Hypermobilen Typ des Ehlers-Danlos Syndrom gefunden haben. Doch ist es wirklich EIN EDS Typ? EDS-HT ist sehr variabel, viele Betroffene merken kaum etwas davon, profitieren vielleicht sogar von ihrer „guten Beweglichkeit“ bei einer Reihe von Sportarten, bei Gymnastik oder Yoga. Deshalb denken die wenigen EDS Spezialisten, die es gibt, EDS-HT besteht aus einem ganzen Strauß verschiedener Erkrankungen, die unter einer Bezeichnung zusammen gefasst werden. Doch könnte diese genetische Veränderung eine Klammer für einen Teil des variabel in Erscheinung tretende Hypermobile EDS darstellen und es durch einen klinischen Test diagnostizierbar machen.

Alpha-Tryptase, ein Protein, ist eine der reaktiven Komponenten des Immunsystems und liegt, so Milner, einigen zentralen EDS-HT und POTS Symptomen zugrunde. Weiterhin kann es zur Sensitivität bei Schmerzen beitragen, die Funktion von Blutgefäßen verändern und sogar den Aufbau von Bindegewebe, Knochen und Gelenken beeinflussen.

Nicht alle Menschen stellen überhaupt Alpha-Tryptase her. Ein Drittel verzichtet gänzlich auf dieses Protein, ohne dass sich der Mangel bemerkbar machen würde. Ein Ausschalten der TBSAP1 Gene würde also wahrscheinlich keine negativen Folgen mit sich bringen und könnte eine mögliche zukünftiger Therapie für das Erkrankungstrio EDS-HT, MCAD, POTS darstellen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Bisher ist noch nicht bekannt, ob das Erbliche Alpha-Tryptasemie Syndrom eine Form des Systemischen Mastzellaktivitäts Syndrom (MCAS) darstellt. Das muss noch näher erforscht werden. Fakt ist, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen Patienten mit diagnostiziertem MCAS und denen mit Erblichem Alpha-Tryptasemie Syndrom gibt. Möglicherweise stellt das Erbliche Alpha-Tryptasemie Syndrom eine Untergruppe dar. Es könnte jedoch ebenfalls sein, dass die Alpha Tryptase allein die Symptome erzeugt, ohne dass Mastzellen involviert sind. Oder die Mastzellen reagieren ganz normal, aber die Reaktion darauf ist unangemessen stark. Dies würde erklären, warum viele Patienten positiv auf Medikamente reagieren, welche Mastzellen oder ihre Produkte modulieren.

Welche POTSies könnte dies betreffen? Was bedeutet das für sie?

Es gibt nicht das eine Symptom, das eindeutig eine Verdoppelung des Gens beweisen würde. Treten jedoch bestimmte Symptome zusammen auf, so kann das ein wichtiger Hinweis sein. Verdächtig ist es ebenfalls, wenn mehrere Generationen in einer Familie betroffen sind. Das kann auch in unterschiedlicher Stärke sein. Zudem kann der Tryptaselevel im Blutserum leicht bestimmt werden. Wichtig ist dabei der Basiswert, der abgenommen wird, wenn gerade kein verstärktes Aufflackern der Symptome vorliegt, also nicht nach einer Synkope oder einer heftigen allergischen Reaktion. Denn im Anschluss nach einer solchen Reaktion könnte der Wert auch aus anderen Gründen erhöht sein. Liegt der Basiswert unter 8ng/ml, so ist nicht von einem Erblichen Alpha-Tryptasemie Syndrom auszugehen, bei Werten über 10ng/ml ist es wahrscheinlich, besonders, wenn auch bei Verwandten ein erhöhter Wert vorliegt. Leider wird bisher von Laboren, außer zu diesem Forschungszweck, kein Gentest auf das Erbliche Alpha-Tryptasemie Syndrom angeboten. Da es auf Vervielfachung eines Gens beruht, kann es mit üblichen Gentests nicht gefunden werden.

Verdächtige Symptome:

  • Chronische Hautrötung, Jucken, Quaddeln
  • Allergie auf Insektenstiche (Bienen)
  • Schwindel und/oder OI, POTS, Blutdruckschwankungen, Synkopen
  • Chronische Kopf-, Rücken-, Gelenkschmerzen
  • Sehr bewegliche Gelenke, Skoliose, Skelettabweichungen, Persistierende Milchzähne, evtl. die Diagnose Hypermobiles EDS
  • Verdauungsprobleme, wie Sodbrennen, Schluckbeschwerden, Blähungen, Durchfall, Verstopfung (häufig als IBS diagnostiziert)
  • eine Vielzahl von Reaktionen und Unverträglichkeiten gegenüber von Medikamenten und Nahrungsmitteln
  • Ängstlichkeit, Depressionen, Verhaltensstörungen

Die Symptome können im Laufe der Zeit schwanken. Man hat noch keinen Überblick darüber, wie sich die Erkrankung im Lauf eines Lebens entwickelt. Doch kann man davon ausgehen, dass das Erbliche Alpha-Tryptasemie Syndrom nicht die Lebenszeit verkürzt. Die Forscher gehen davon aus, dass erhöhte Tryptasewerte im Serum bei 6% in der Bevölkerung gemessen werden können. Das bedeutet, dass tatsächlich bis zu 6% der Bevölkerung ein Erbliches Alpha-Tryptasemie Syndrom haben könnten (also 4,8 Mio Personen in Deutschland). Daraus kann gefolgert werden, dass es sehr wahrscheinlich noch weitere Faktoren gibt, die bei besonders stark betroffenen Personen zur Schwere ihrer individuellen Symptome beitragen. Die Patienten brauchen noch viel Geduld – und einen wirklich guten Arzt! Denn selbst wenn ein Erbliches Alpha-Tryptasemie Syndrom diagnostiziert wurde, ändert dies heute nichts am bisherigen Therapiemanagement: individuell die Symptome des EDS, POTS und MCAD lindern und mögliche Trigger meiden.

Links:

http://www.nature.com/ng/journal/vaop/ncurrent/full/ng.3696.html

https://www.nih.gov/news-events/news-releases/nih-scientists-uncover-genetic-explanation-frustrating-syndrome?utm_source=twitterfeed&utm_medium=twitter

https://www.niaid.nih.gov/research/hereditary-alpha-tryptasemia-faq

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