Oder warum habe ich vorher nichts davon gehört und  finde kaum etwas dazu  im deutschen Internet? Zu den seltenen „Krankheiten“ (POTS ist ja ein Syndrom) gehört es nicht. Immerhin wird von einer Häufigkeit von 1 in 500 (= 0,2%) bis 1 in 100 ausgegangen. Angesichts dieser Zahl ist es doch verwunderlich, dass es irgendwie unter dem Radar des öffentlichen Wissens bleibt. Grund für die Unkenntnis ist nicht die Harmlosigkeit. Auch wenn POTS nicht zum Tod führt, beeinträchtigt es das Leben der Betroffenen nicht unwesentlich und oft auch dauerhaft.

In einem Artikel im Ärzteblatt, Ausgabe  2003; 100(43): A- 2794–2801 [Heft 43] geht D. Diel dem Geheimnis des unbekannten POTS näher nach. Er sieht die Ursache des Nichtkennens in der Begriffsvielfalt bei der Bezeichnung, bei der Unklarheit der diagnostischen Kriterien und den konkurrierenden Erklärungen der Mechanismen. In vielen Fällen geht dem Erkennen vom POTS eine lange Strecke mit ausgedehnter internistischer, neurologischer oder psychiatrischer Abklärung voraus und bestimmt erfolgt häufig keine korrekte Diagnose. Und selbst die Diagnose POTS ist nur der erste Schritt. POTS  hat ja eine Ursache, auch wenn diese oft nicht gefunden wird.

Ich finde, dass die Bezeichnungen  „Posturales Tachykardiesyndrom“ oder noch schlimmer „Posturales orthostatiasches Tachykardiesyndrom“ Monsterbegriffe und Zungenbrecher sind.  Medizinisch sind sie wohl sehr sinnvoll beschreibend, aber solch unaussprechliche Namen tragen einfach nicht zur Verbreitung in der Allgemeinheit bei.

Ein weiteres Problem ist meiner Meinung nach, die Einordung von Patienten mit POTS -Symptomen von ärzlicher Seite als Personen mit ungesundem Lebenswandel (Antwort eines Arztes auf den oben genannten Artikel) oder als Kranke mit  somatoformer autonomer Funktionsstörung.  Solche Patienten werden von Allgemein- und Fachärzten als schwierig wahrgenommen und bei normalen Blut-, Herz-, Ohren- und Kopf-MRT-Befunden   zu Psychotherapeuten weitergeschickt. Diesen erscheinen sie oft als unmotiviert. In den ärztlichen Leitlinien zu  somatoformen Störungen wird explizit vor zu vielen medizinischen Untersuchungen gewarnt, wohl weil angenommen wird, dass weitere Untersuchungen sie  in ihren falschen Krankheitsüberzeugungen bestärken und dadurch  die „Somatisierungsstörung“ verschlimmern würden (zu lesen in:  Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden). Damit fällt oft der Schellongtest, bzw  meist die Kipptischuntersuchung und die Untersuchung des autonomen Nervensystems weg.  Im Gegenzug wird von der Leitlinie ganz viel Gewicht der Psychotherapie beigemessen.  In dem Bereich der somatoformen Störungen ist das Hauptkriterium das Unvermögen der Ärzte schnell eine zufriedenstellende körperliche Ursache zu finden. Der Grund für die Erkrankung wird dann in unbewußten Konflikten gesehen, die zu der psychischen Störung führen. Zu einer angemessenen Differentialdiagnostik mit einem möglichen Zwischenergebnis des POTS kommt man auf diese Weise nicht. 

Wird zwar die Tachykardie erkannt, jedoch nicht der Zusammenhang mit der Orthostase, so wird häufig ein Hyperkinetisches Syndrom diagnostiziert. Besonders verführerisch für Ärzte ist dieses Syndrom aufgrund des eigenen ICD Codes und der psychischen Komponente.

Doch selbst bei Anwendung des Schellongtests gibt es eine Hürde. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hat es sich zur Aufgabe gemacht möglichst viele Kolleginnen und Kollegen mit den neuesten Diagnose- und Therapiestandards zu versorgen. Dazu gibt die Kommission „Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie“ regelmäßig ein wissenschaftlich-therapeutisches Standardwerk heraus. Die Inhalte sind auch online zu finden. Im Kapitel zur Synkope der Leitlininen 2012 wird der Schellong-Test zwar als Basisdiagnostik angeführt, doch die Durchführungsdauer wird mit  mindestens  3 Minuten (!) bis 10 Minuten angegeben. Ansonsten findet sich in der Literatur immer eine Dauer des aktiven Stehens von  mindestens 10 Minuten und meistens wird darauf hingewiesen, dass es auch eine Variante des POTS gibt, bei der der Anstieg der Herzrate verspätet erfolgt (Late Onset) und daher ggf. der Versuch verlängert werden muss. Als unterster Punkt findet sich noch der Hinweis, dass, falls trotz negativem Schellong-Test der Verdacht auf POTS besteht,  ein Kipptischtest (Dauer 3 bzw. 10 Minuten) durchgeführt werden soll.  Also auch hier wird mit der Angabe von 3 Minuten als mögliche Testdauer, die Gefahr eines zu frühen Abbruchs des Tests erzeugt und es wird kein Hinweis auf Late Onset POTS gegeben. In den vorangegangenen Leitlinien von 2008  war noch explizit darauf hingewiesen worden, dass zum Nachweis die Stehzeit in manchen Fällen über 10 Minuten ausgedehnt werden muss.

In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (ab Seite 6)  wird zwar ebenfalls kein Hinweis auf eine verspätete Herzratensteigerung gegeben, doch unterbleibt eine evtl. den Versuch verkürzende Angabe von 3 Minuten.

 

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  1. Silvia Fuchs sagt:

    Ich glaube nicht dass POTS so selten ist – ich glaube dass es viel zu unterdiagnostiziert ist. Da es wirklich nur 1 adäquate Untersuchung gibt.

  2. potsieplatz sagt:

    Eigentlich ist es eine ganz einfache Untersuchung. Für den Schellong Test braucht die ärztliche Praxis nur ein Blutdruckmessgerät mit Pulsmessung und eine Sprechstundenhilfe – falls er dem Arzt zu lange dauert.

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